Die Geschichte des Palastes

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Die Großfürsten von Litauen residierten sowohl in der Oberen als auch in der Unteren Burg der Hauptstadt Vilnius. Als Hauptresidenz bis zur Wende 15./16. Jahrhundert diente die Oberburg, auf deren Gelände bis heute Ruinen des ehemaligen gotischen Palastes zu sehen sind. Gleichzeitig war im 15. Jahrhundert die Burg von Trakai – 30 Kilometer südwestlich von Vilnius –  ein bevorzugter Aufenthaltsort der litauischen Großfürsten.

Als Ausdruck der besonderen Stärke des mittelalterlichen litauischen Staates, der sich von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer erstreckte, ließ Großfürst Vytautas (1392–1430) die Vilniusser Burgen erweitern. Hier war seine Krönung zum König von Litauen geplant.

Wahrscheinlich war es Großfürst Alexander der Jagiellone (1492–1506), der die Herrscherresidenz von der Oberen Burg in die Untere Burg verlegte und einen Palast im spätgotischen Stil errichten ließ, der den Repräsentationserfordernissen der Zeit Rechnung trug. Die unter Sigismund dem Alten (1506–1548), Großfürst von Litauen und König von Polen, erfolgten Erweiterungsarbeiten im Renaissance-Stil fanden kurz vor dem Brand von Vilnius (1530) ihren Abschluss. Der Umbau des Palastes zu einem modernen repräsentativen Herrschersitz der Gediminiden-Jagiellonen-Dynastie ist auf das Engste mit Sigismunds zweiter Gattin Bona Sforza (Tochter des Herzogs von Mailand Gian Galeazzo Sforza und der Herzogin von Bari Isabella von Aragon) verbunden. Neben dem aus Rom oder Florenz stammenden italieni­schen Meister Bernardino Zanobi de Gianotis dürften bei der Umgestaltung auch die Architekten Bartolomeo Berrecci aus Pontassieve und Benedikt aus dem polnischen Sandomierz mitgewirkt haben. Eine abermalige Erweiterung erfuhr der Palast unter Sigismund August (1544–1572 litauischer Großfürst, ab 1548 auch polnischer König), dem letzten Vertreter der litauischen Jagiellonen-Dynastie auf dem litauisch-polnischen Thron. Auf seine Initiative wurde der „Neue Palast“-Anbau unter Aufsicht des italienischen Architekten und Bildhauers Giovanni Cini aus Siena durchgeführt, unter Mitarbeit von Giovanni Maria Mosca Padovano, Filippo Bartolomeo aus Fiesole sowie litauischen, preußischen, deutschen, polnischen und böhmischen Meistern.

Auch die nachfolgenden Herrscher des litauisch-polnischen Doppelreiches aus dem schwedischen Königsgeschlecht Wasa – Sigismund (1587–1632) und Ladislaus (1632–1648) – schenkten der Residenz in Vilnius große Beachtung. Von hier aus koordinierten sie die Politik mit Moskau und Schweden. Nach dem großen Stadtbrand von 1610 wurde der Palast unter den niederländi­schen Bauherren Peter Nonhart und Wilhelm Pohl im Stil des nordeuropäi­schen Manierismus erneuert. Nur wenig später, in den 1620er Jahren, erfolgte der Umbau in eine Prachtresidenz mit charakteristischen Zügen des italienischen Frühbarocks. In dieser Zeit entstand auch die St. Kasimir-Kapelle als Anbau der Vilniusser Kathedrale, wie der Palastumbau unter Bauaufsicht der Brüder Costante und Jacopo Tencalla, die in Rom mit dem großen Barockarchitekten Carlo Maderno gearbeitet hatten.

Im 16. und in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts erlebte der Vilniusser Palast der Großfürs-ten von Litauen und Könige von Polen seine Blütezeit. Hier wurden Gesandte des Heiligen Römischen Reiches und des Papstes, von ganz Europa und Nahost – Persien, Türkei, Moskau, Ungarn, Frankreich, Spanien, Venedig, Toskana, Mantua, Ferrara – empfangen. Die Herzöge von Kurland und von Preußen leisteten im Vilniusser Palast den Vasalleneid. Hier trafen die letzten Jagiellonen und die Herrscher aus dem Wasa-Geschlecht ihre wichtigsten politischen Entscheidungen. Im Palast wurden Privilegien verliehen, Sitzungen des Staatsrats und des Adelsparlaments abgehalten und Gerichtsverhandlungen durchgeführt. Hier erfolgte die Überarbeitung des Litauischen Statuts (Verfassung und Gesetzbuch). Der Palast beherbergte die Staatskasse, die staatliche Münze und die „Lietuvos Metrika“ (Archiv des Großfürstentums Litauen). Sigismund August verfügte über eine große Bibliothek und beeindruckende Sammlungen von Gobelins, Waffen, Panzerrüstungen, Gemälden und Jagdtrophäen. Die großfürstliche Schatzkammer nötigte sogar dem päpstlichen Legaten Bernardino Buongiovanni Bewunderung ab. Der prunkvoll eingerichtete Vilniusser Palast mitten in einem weitläufigen Park war zu einem Kultur- und Kunstzentrum der Renaissance und des Frühbarocks geworden, das weit nach Mittel- und Nordeuropa strahlte.

Der Niedergang setzte 1655 mit dem Einfall der Moskauer Truppen und Kosakenhorden ein, die sechs Jahre lang in den Gebäuden der Vilniusser Burgen hausten und sie plünderten. Zusätzlich hinterließ der Befreiungskampf schwere Schäden – nach der Gefangennahme der Moskauer Soldaten (1661) blieben eine stark zerstörte Burganlage und ein kahler Palast zurück. Aufgrund der leeren Staatskasse Litauens war an eine Restaurierung nicht zu denken.

Nach der dritten Teilung der Republik Beider Nationen (des polnisch-litaui­schen Doppelreiches) 1795 betrieb das russische Zarenreich eine bewusste Politik der Tilgung aller Symbole litauischer Staatlichkeit – selbst die Mauern des Palastes wurden abgetragen (1799–1801). Während des missglückten litauisch-polnischen Aufstandes gegen das imperiale Zarenreich (1831) nahmen auch die Fundamente des ehemaligen Palastes Schaden, da die Russen dort Verteidigungsgräben für die Errichtung einer Festung aushoben.

Erst gegen Ende der fast 50 Jahre dauernden sowjetischen Okkupation und mit dem Aufkommen einer Unabhängigkeitsbewegung 1987 konnten umfangreiche systematische archäologische Forschungen aufgenommen werden. Die Grabungen förderten rund 300.000 Fundstücke zutage.

2000/2001 befürworteten Seimas (Parlament) und Regierung Litauens den Wiederaufbau des ehemaligen Palastes der Großfürsten von Litauen auf dem Gelände der Unteren Burg. Die Wiedererrichtung des Palastes wird seiner früheren kulturellen und historischen Bedeutung gerecht – die Wiederkehr eines für das nationale Selbstbewusstsein Litauens so wichtigen Symbols der staatlichen Souveränität und die Manifestation der histori­schen Wahrheit. 2009 wurde das Nationalmuseum Palast der Großfürsten von Litauen als Museum der historischen Residenz gegründet. Neben Dauerausstellungen mit teilweise rekonstruiertem historischem Interieur werden Wechselausstellungen gezeigt sowie Bildungsprogramme, Konzerte, Konferenzen und staatliche Repräsentationsveranstaltungen stattfinden.


2011-07-24
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